Direkt zum Inhalt, zum Hauptmenü, zum Bereichsmenü
Sie sind hier: Startseite > Über INCOBS > Veröffentlichungen > Artikel: Archiv > Sprechende Handys im Test
von Heike Clauss, INCOBS 2005
Ob in der Freizeit oder bei der Arbeit: Handys sind für die meisten
von uns inzwischen unabkömmlich. Zum Telefonieren allein werden Handys
schon lange nicht mehr genutzt. Es handelt sich vielmehr um kleine
Minicomputer, die durch Kalender-, Memo-, E-Mail- oder WAP-Funktion in
den mobilen Arbeitsalltag integrierbar sind.
Doch wie sieht es mit
der Nutzbarkeit dieser zusätzlichen Funktionen für Blinde und
Sehbehinderte aus? INCOBS (Informationspool Computerhilfsmittel für
Blinde und Sehbehinderte) hat im Frühjahr 2004 handelsübliche Handys
getestet. Das Ergebnis: Telefonieren geht schon irgendwie - aber den
Kalender benutzen? Eine SMS schreiben? Adressverzeichnisse anlegen?
Durch die rein visuelle Bedienung der Geräte über das Display sind
diese Funktionen für Blinde und Sehbehinderte kaum bis gar nicht
nutzbar.
Abhilfe sollen sogenannte "sprechende Handys" schaffen. Hierbei wird
eine Sprachsoftware auf bestimmte handelsübliche Mobiltelefone
installiert. Ähnlich wie beim Screenreader für Computer wird der Displayinhalt des Handys vorgelesen und der Nutzer bei der Navigation durch das Handymenü unterstützt.
In Deutschland gibt es zur Zeit zwei Angebote: Das Produkt Talks der Firma Brandt & Gröber und Mobile Speak des spanischen Entwicklers Codefactory.
INCOBS hat Talks und Mobile Speak
auf den Prüfstand gestellt. Hierzu haben wir die Sprachsoftware auf dem
von beiden Herstellern empfohlenen Handy "Nokia 6600" installiert. Mit
detaillierten Fragebögen und praktischen Testaufgaben, die von blinden
und sehbehinderten Anwendern gelöst wurden, konnte die
Gebrauchstauglichkeit der Sprachsoftware überprüft werden.
Herausfinden wollten wir: Macht die Software wirklich sämtliche
Handyfunktionen zugänglich? Wie einfach ist die Bedienung? Und welches
Produkt schneidet besser ab, Talks oder Mobile Speak?
Ein erstes Ergebnis des Tests war eigentlich von vornherein klar: Die Qualität eines sprechenden Handys hängt nicht allein von der Sprachsoftware, sondern ebenso von dem Gerät ab. Was nutzt die beste Sprachausgabe, wenn die Tasten des Telefons schwer voneinander unterscheidbar sind oder das Menü unübersichtlich und kompliziert aufgebaut ist? Dies weist schon auf die Testergebnisse hin:
Die detaillierten Testergebnisse können Sie auf den INCOBS-Internetseiten abrufen. Im Folgenden soll auch hier etwas genauer auf die Ergebnisse eingegangen werden.
Während im Lieferumfang von Mobile Speak nur eine digitale Bedienungsanleitung enthalten ist, können Talks-Nutzer zusätzlich von einem Audiohandbuch und dem Tastenlernmodus profitieren. Die standardmäßige Installation eines softwareeigenen Hilfemenüs wäre für beide Produkte eine klare Unterstützung im mobilen Alltag. Bei Talks gibt es immerhin gegen Aufpreis eine Zusatzinstallation, für Mobile Speak ist diesbezüglich wohl noch nichts geplant.
Vorteilhaft sind bei beiden Produkten die Einstellmöglichkeiten der
Sprachausgabe (Lautstärke, Geschwindigkeit usw.) sowie das
Vorhandensein eigener Bedienbefehle über Tastenkombinationen zur
Steuerung und Einstellung der Sprachsoftware.
Ein Manko ist hier jedoch bei Talks
festzustellen: im Moment liest die Sprache den Menütitel, die Anzahl
der Einträge, den aktuellen Eintrag, die Position des gewählten
Eintrags und die Funktionen, die über die Displaytasten ausgelöst
werden können.
Für manchen Anwender ist es lästig, dass dies alles
immer wieder vorlesen wird, auch wenn man im Menü nur einen Eintrag
weiter navigiert. Eine individuelle Einstellmöglichkeit würde Abhilfe
schaffen. Bei Mobile Speak gibt es hier Ansätze in die richtige Richtung.
Welche Extra-Funktionen des Handys macht die Sprachsoftware zugänglich? Wir haben knapp 50 Funktionen ausgesucht und überprüft.
Die Spanne reichte von typischen Anwendungen wie Kontakt anlegen oder SMS schreiben bis hin zur Datenübertragung per Bluetooth.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen; tatsächlich werden die meisten
Funktionen durch die Sprachsoftware zugänglich gemacht. So gab es z.B.
keine Probleme bei Standardabfragen (z.B. nach Akkuleistung,
Gesprächsdauer), bei sämtlichen SMS- Funktionen, Anruflisten, dem
Notizbuch, Einstellung der Ruftöne, Tastatur- und Anrufsperre, E-Mails
schreiben etc.
Bei einigen Anwendungen klappte das Zusammenspiel zwischen Gerät und
Sprachsoftware jedoch nicht einwandfrei. Ein Beispiel ist die Nutzung
des Kalenders:
Mit Hilfe des Handys kann sich der Nutzer an Termine
erinnern lassen. Zu einem gewünschten Zeitpunkt ertönt der Alarm und
auf dem Display erscheint der dazugehörige Termin, z.B.
"Vorstandssitzung". Leider "verdrängt" der Alarm die Sprachausgabe,
d.h. die Eintragung wird nicht vorgelesen. Sobald eine Taste gedrückt
wird, verstummt das Signal. Der Text ist dann aber auch verschwunden.
Ähnliche Probleme tauchen immer dann auf, wenn Funktionen genutzt
werden, bei denen das Gerät selbst mit Tönen arbeitet, z.B. beim
Wecker, bei der Einstellung der Klingeltöne oder der Spracheingabe.
Dabei hat Talks dieses Problem etwas besser im Griff als Mobile Speak.
Was beide Produkte außerdem bislang noch völlig außer Acht lassen, ist die Ansage von Zeilenüberlängen. So wird auf dem Display angezeigt, dass eine Zeile noch über das Sichtbare hinaus weitergeht. Auch die Sprache sollte darauf hinweisen anstatt unkommentiert an der Stelle abzubrechen, an der sie für Sehende aufhört.
Die Sprachverständlichkeit wurde von den Testpersonen bei beiden Produkten als befriedigend bewertet, doch wurden kleine Sprach-Störungen während der Testläufe beanstandet. Dabei wurden bei der Lösung Mobile Speak Störungen wie das Verschlucken von Wörtern, Lautstärkeveränderungen oder auch Stottern und Knacken häufiger bemängelt als bei Talks. Bei der Talks-Kombination tauchten derartige Störungen ausschließlich dann auf, wenn die Sprache mit individuellem Text konfrontiert war (z.B. beim SMS-Schreiben).
Bei der Systemstabilität hat die Kombination aus Nokia 6600 und Mobile Speak in unserem Test etwas schlechter abgeschnitten als die Kombination mit Talks. So kam es in einem Praxistest mit TalksMobile Speak zu einem Komplettabsturz, der einen Neustart des Geräts erforderlich machte.
Neben dem im Softwaretest eingesetzten Gerät Nokia 6600 hat INCOBS
zwei weitere Handys, das Nokia 3660 und das Siemens SX1, geprüft. Beide
können mit Sprachsoftware betrieben werden.
Im Gerätetest am besten abgeschnitten hat das Nokia 6600, gefolgt vom
Nokia 3660. Schlusslicht ist das Siemens SX1. Bemängelt wurde hier die
eher unkonventionelle Tastatur, bei der die Ziffern nicht im
Standard-Ziffernblock, sondern seitlich links und rechts neben dem
Display angeordnet sind. Insgesamt kann man aber auch beim
vermeintlichen "Gerätesieger" Nokia 6600 von keinem wirklich guten
Ergebnis sprechen.
Hier einige Gründe für das schlechte Abschneiden der Geräte:
Eine Herausforderung für die Zukunft ist es, den sprechenden Handys das Surfen im World Wide Web beizubringen. Nahezu alle handelsüblichen Mobiltelefone sind inzwischen mit dieser Möglichkeit ausgestattet und auch die Hilfsmittelhersteller versuchen, ihren Kunden diese Funktion zugänglich zu machen. Talks kann hierbei bereits die ersten Erfolge verbuchen, das Surfen im Internet ist zumindest eingeschränkt möglich.
Auf dieser Seite kommen 7 Begriffe vor, die in unserem Wörterbuch erläutert werden: Bluetooth, Installation, Screenreader, Shortcut, Sprachausgabe, Symbian und Tastenkombination.
Letzte Änderung: 19.07.2010 | © 2006 - 2013 DIAS GmbH | Impressum | Barrierefrei?