Navigation

HINWEIS: Sie betrachten einen archivierten Inhalt. Bitte besuchen Sie auch unseren aktuellen Auftritt unter www.incobs.de

Sie sind hier: Startseite > Produkt-Infos > Screenreader > Test: Screenreader im Internet > Ergebnisse im Überblick

vorherige Seite | nächste Seite

Test: Screenreader im Internet 2010
Ergebnisse im Überblick

von Michaela Freudenfeld

Das Internet ist heute eines der wichtigsten Informationsmedien in Beruf- und Privatleben. Damit Blinde und Sehbehinderte das Internet nutzen können, ist es wichtig, dass Webseiten barrierefrei gestaltet sind. Ist diese Voraussetzung erfüllt, ist es aber mindestens genauso wichtig, dass das Hilfsmittel Screenreader die Inhalte interpretieren und weitergeben kann. In unserem Test haben wir die Screenreader COBRA, HAL, JAWS, Window-Eyes sowie das Open-Source-Produkt NVDA und den Apple-Screenreader VoiceOver in Bezug auf verschiedenste Seitenelemente untersucht, die auf Internetseiten zu finden sind. Außerdem haben wir uns angesehen, wie sich Anwender mithilfe eines Screenreaders einen Überblick über eine Seite verschaffen können.

Ein kurzes Fazit vorweg: Es ist mit jedem der geprüften Screenreader möglich, im Internet zu surfen und die Basisinformationen über einfache Seitenelemente zu erhalten. So hat kein Screenreader mit einfachen Texten und Links erwähnenswerte Probleme. Auch mit richtig ausgezeichneten Formularen, Grafiken, iFrames und zugänglichem Javascript, Flash-Playern sowie reCaptcha-Anwendungen kommen die meisten gut klar.

Sobald die Informationen komplexer werden, gibt es aber Qualitätsunterschiede. Die Probleme häufen sich bei besonderen Textstrukturierungen wie Sprachauszeichnungen, der Umsetzung von ARIA-Attributen und in Datentabellen.

JAWS liefert mit Abstand das beste Ergebnis. Der Screenreader ermöglicht eine recht umfassende und auch zuverlässige Ausgabe sämtlicher Informationen. Dahinter bewegen sich Window-Eyes, COBRA und NVDA alle auf einem ähnlichen Niveau. Die Schwerpunkte dessen, was die Screenreader gut können und was nicht so gut sind aber unterschiedlich. Window-Eyes macht im Hinblick auf Standardelemente eine bessere Figur, mit COBRA sind vor allem viele Textstrukturierungen gut erfassbar, NVDA fällt durch die äußerst zuverlässige Umsetzung von ARIA positiv auf und ist obendrein Freeware. Der in das Apple-System integrierte Screenreader VoiceOver kann den dreien definitiv das Wasser reichen. Mit unserem Schlusslicht HAL kann man zwar surfen, Nutzer erhalten aber bei weitem nicht so viele Informationen über die Elemente einer Webseite wie bei den anderen Screenreadern.

Erläuterungen zu den einzelnen Elementtypen aus unserem Test und was wir von Screenreadern erwarten, finden Sie hier: Was haben wir getestet - Erläuterungen zu Elementen einer Webseite.

Überblick über eine Internetseite erhalten

Auf vielen Internetseiten finden sich Standardbereiche, wie etwa eine Hauptnavigation, ein Servicemenü, Informationen zum Seiteninhalt, etc. Für Sehende entsteht so eine Struktur, mit der man sich einen schnellen Überblick über eine Seite verschaffen kann.

Dagegen müssen Screenreaderanwender sich eine Webseite von oben nach unten ausgeben lassen, um den Inhalt der Seite zu erfassen. Hilfreich ist, dass alle Screenreader eine Navigation über Überschriften oder über Links und eventuell noch weitere Elementtypen ermöglichen. Dadurch können Bereiche auch übersprungen werden. Wenn man schon sehr genau weiß, welche Information man sucht, kann man natürlich die Browser- oder inhaltliche Screenreadersuche benutzen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass Informationen verborgen bleiben, weil man z.B. nicht das richtige Suchwort gewählt hat.

Die Einbindung von ARIA-landmark-roles könnte dieses Problem lösen. Hier werden Markierungspunkte für typische Bereiche einer Webseite (z.B. das Banner bzw. Logo einer Seite, die Navigation, Suchfunktion oder Hauptinhalt, etc.) gesetzt. So kann der Anwender diese Bereiche gezielt ansteuern. Aber ARIA ist noch nicht der Standard auf Internetseiten und in unserem Test setzte die Mehrzahl der Screenreader ARIA noch gar nicht um.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Herangehensweise von VoiceOver. Der Screenreader vergibt automatisch sogenannte Webspots. Mit dieser Markierung können unterschiedliche Seitenbereiche und Elementtypen voneinander unterschieden werden. Das können z.B. Linklisten, das Servicemenü, der Link zur Sitemap und inhaltlich unterschiedliche Textbereiche sein. In unserem Test wurde eine Seite auf diese Weise sinnvoll strukturiert und es war möglich, sich auf eine ähnliche Weise wie Sehende einen Überblick zu verschaffen.

Erfassbarkeit einzelner Elemente im Detail

Textstrukturierungen

Einfache Texte, gängige Strukturierungen wie Überschriften oder einfache Listen können alle getesteten Screenreader umsetzen. Bei komplexeren Auszeichnungen sieht es anders aus: kursive oder fette Textauszeichnungen sind nur für JAWS und COBRA annähernd unproblematisch, bei allen anderen kommt es zu Einschränkungen. Meist müssen Einstellungen zur Ausgabe verändert bzw. das Ausführlichkeitsniveau hochgestellt werden.

Sprachauszeichnungen werden nur von JAWS und Window-Eyes erkannt, auch die Ausgabe von Akronymen und Abkürzungen verläuft bei den anderen Screenreadern nicht einwandfrei. Bei Textzitaten tauchen spätestens bei der Quellenangabe Probleme auf. Genauso gehören besondere Auszeichnungen, etwa für Adressen oder Definitionen, nicht zum Standard der Screenreader.

Links

Eine Überblicksfunktion wie etwa eine Linkliste bieten alle unsere Testkandidaten. Auch die Ausgabe von allgemeinen Textlinks und verlinkten Grafiken verläuft einwandfrei. Bis auf VoiceOver und COBRA haben aber alle Screenreader Probleme mit der Ausgabe von title-Attributen. Manchmal werden diese gar nicht erst bemerkt (HAL und Window-Eyes), manchmal müssen die Ausgabeeinstellungen umständlich verändert werden, um sie zu erfassen. Und auch mit Imagemaps haben die meisten Produkte Probleme. Nur JAWS gibt auch den Map-Name bzw. den Hinweis aus, dass die Links in eine Grafik eingebettet sind.

Textalternativen

Alternativtexte von Grafiken geben alle Screenreader aus, HAL und Window-Eyes unterschlagen dabei jedoch regelmäßig, dass es sich um Texte zum Elementtyp Grafik handelt. Unter Umständen kann das für Verwirrungen sorgen. Die meisten Screenreader haben Probleme bei der Ausgabe von longdesc-Attributen für Grafiken. Die Alternativen von Objekten (in unserem Test: Flash) geben bis auf COBRA alle korrekt wieder. Nicht so bei canvas-Elementen. Diesen sehr neuartigen Elementtyp konnte noch keiner der geprüften Produkte interpretieren.

Tabellen

Eine einfache Datentabelle ist für keinen der Screenreader ein Problem. Für den Umgang mit komplexeren Tabellen bietet allerdings nur JAWS eine breitere Palette an Navigationsbefehlen an. Mit Window-Eyes kann man noch zu Spalten-/Zeilenanfängen oder -enden springen. Mit den anderen drei Produkten ist eine über einfachste Zellbewegungen (hoch/runter/links/rechts) hinausgehende Navigation überhaupt nicht möglich. Außer Window-Eyes ist keiner der Screenreader zuverlässig in der Lage, korrekt ausgezeichnete Reihen- und Spaltenbezüge herzustellen. Tabellenüberschriften und Zusammenfassungen geben zwar viele aus, jedoch häufig ohne zu sagen, um was es geht, was zu Verwechslungen mit Zellinhalten führen kann.

Formulare

Mit Formularen kommen die meisten Screenreader relativ gut zurecht. Radiobuttons, Checkboxen und Label sind für alle Screenreader unproblematisch. Bei HAL sind die Rückmeldungen zum Teil nicht ausreichend, etwa bei schreibgeschützten oder „nicht nutzbaren“ Eingabefeldern. Bei Schaltflächen könnte die Ausgabe bei VoiceOver, COBRA und Window-Eyes mitunter genauer sein.

WAI-ARIA

Die Screenreaderwelt ist in Bezug auf ARIA leider noch zweigeteilt: NVDA und JAWS setzen ARIA gut um, bei den anderen gibt es bisher noch so gut wie gar keine Unterstützung.

iFrames

iFrames werden von allen Screenreadern erkannt. Probleme gibt es bei NVDA, COBRA und HAL, weil sie eigentlich korrekte Auszeichnungen ignorieren. Wenn es mehrere iFrames auf einer Seite gibt, kann es so zu Zuordnungsproblemen kommen.

Weitere Anwendungen und dynamische Elemente

Bis auf VoiceOver kann man mit allen anderen Screenreadern Videos im Flash-Player starten. Bei HAL und Window-Eyes gibt es bezüglich der Bedienung weiterer Funktionsschalter noch Verbesserungsbedarf.

JAWS und NVDA machen bei der Wiedergabe zugänglicher und durch Javascript erzeugter Textdarstellungen eine besonders gute Figur, aber auch die anderen Testkandidaten können die Inhalte in der Regel wiedergeben. reCaptcha wird von allen Screenreadern korrekt und zuverlässig wiedergegeben.

Wenn Barrieren auftauchen

Eine Vielzahl der Auftritte im Internet ist nicht zugänglich gestaltet und Screenreadernutzer sind dadurch tagtäglich mit Barrieren konfrontiert. Wir haben ein paar typische Beispiele in unseren Test eingebaut und beobachtet, wie die Screenreader reagieren. Zum Teil versuchen sie, Barrieren zu kompensieren. Wenn zum Beispiel eine Grafik nicht mit einem Alternativtext ausgezeichnet ist, wird bei vielen der Dateiname der Grafik ausgegeben. Einige Screenreader unterdrücken das jeweilige Element aber auch komplett. Bei nicht korrekt ausgezeichneten grafischen Formularelementen oder Links versuchen alle, brauchbare Alternativen aufzuspüren.

Barrieren, die Screenreader in der Regel nicht kompensieren können, sind alle Arten von ausschließlich grafischer Information, wie etwa nur grafisch deutlich gemachte Strukturierungsmerkmale (z.B. Überschriften). Wenn Inhalte über CSS dargestellt werden, zum Beispiel Textnummerierungen, kriegen Screenreader das in der Regel nicht mit. Auch steigen in unserem Test fast alle Screenreader bei schwer zugänglichem Javascript aus.

Ausblick

Damit blinde Anwender das Internet einfach und effektiv nutzen können, müssen Webentwickler verstärkt auf die Barrierefreiheit ihrer Seiten achten. Gleichzeitig muss aber auch auf die Screenreader Verlass sein. Barrierefrei gestaltete Elemente müssen erkannt und ausgegeben werden. Interessant sind in diesem Zusammenhang Ansätze wie ARIA. Würden beide Seiten, Web- und Screenreaderentwickler, entsprechende Standards unterstützen, hätten blinde Nutzer zukünftig wohl noch mehr Spaß am Surfen.


Auf dieser Seite kommen 3 Begriffe vor, die in unserem Wörterbuch erläutert werden: Barrierefreiheit, CSS und Screenreader.


vorherige Seite | nächste Seite

nach oben

Letzte Änderung: 22.04.2011 | © 2006 - 2013 DIAS GmbH | Impressum | Barrierefrei?